Gelebte oder aufgeschriebene Qualität?

Wir stehen dem sozialpolitischen Projekt, Transparenz und Vergleichbarkeit durch ein aufwändiges System von "Pflegenoten" zu schaffen, die den Anschein von Objektivität suggerieren, sehr skeptisch gegenüber:

Eine "Notengebung", die sich ausschließlich auf die (Pflege-) Dokumentation in einer Einrichtung stützt, spiegelt eine Wirklichkeit vor, die es (so) nicht gibt. Leben und Beziehungen finden nicht in der Dokumentation statt, und Dokumentation ist nicht per se ein Instrument der Qualitätssicherung.

Die Glaubwürdigkeit einer Dienstleistung wird nicht dadurch gestärkt, dass sie aufgeschrieben ist, im Gegenteil: Wenn "Pflegenoten" nur durch penible Dokumentation zustande kommen, öffnet dies dem "strategischen Dokumentieren" Tür und Tor: Die schriftliche Eintragung garantiert nicht, dass eine Leistung wirklich (so) erbracht wurde. Diese Art der "Qualitätssicherung" durch Notengebung belohnt das "Schaulaufen" und verschleiert eher den Blick auf die wirkliche, gelebte Qualität in einer sozialen Einrichtung.

Kritische Beleuchtung der „Pflegenote“ des MDK

Qualitätssicherung im Haus Aja Textor-Goethe

Im Haus Aja Textor-Goethe verstehen wir unter Qualitätssicherung daher einen Prozess, der zwar nicht ohne schriftliche Dokumentation auskommt, sich aber vorrangig auf gelingende Beziehungsqualität und eine hohe Lebenszufriedenheit konzentriert. Verwendet wird seit 1997 das im Auftrag des Bundesforschungsministeriums entwickelte GAB-Verfahren.

Im Kern geht es bei der Qualitätssicherung (wir sprechen lieber von "Qualitätsentwicklung") immer um zwei Aufgaben:

  • Erstens klärt man, welche Qualität man eigentlich in seiner Arbeit erreichen möchte (Qualitätsziele, bei uns in Form von Leitbildern, Konzepten oder Handlungsleitlinien).
  • Zweitens geht es darum, regelmäßig auf die eigene Arbeit zurückzublicken und sich zu fragen, wie nah man in seinem tatsächlichen Handeln den eigenen Qualitätszielen gekommen ist, oder wo man die eigene Arbeitsqualität weiter verbessern sollte. Dies geschieht in Form von Qualitätszirkeln, kollegialer Beratung, systematischer Selbstevaluation oder auch systematische Einholung von Fremdbeurteilungen (z.B. über schriftliche Befragungen). Für beides - Zielsetzungen wie kritische Selbstreflexion - beschreibt das GAB-Verfahren strukturierte Vorgehensweisen. Die regelmäßige Qualitätsarbeit wird durch geschulte Mitarbeiter moderiert und im Qualitätssicherungshandbuch dokumentiert.

Dabei ist es uns wichtig, dass die Qualitätsziele (Handlungsleitlinien) nicht ausschließlich von außen (Behörden, MDK) vorgegeben werden, sondern von den Teams entsprechend dem Leitbild des Hauses selbst entwickelt werden können. Daher beteiligen sich alle Mitarbeiter (nicht nur die Leitung) an der Qualitätsarbeit und ihrer Selbstbewertung. Schließlich wird die Qualitätsarbeit so weit wie möglich in die bestehenden Arbeits- und Besprechungs- bzw. Konferenzstrukturen integriert, so dass nur wenig zeitlicher Zusatzaufwand entsteht. Qualität ergibt sich nämlich nach unserem Verständnis nicht dadurch, dass man sie aufschreibt, sondern dass man sie immer mehr im Sinne der Qualitätsziele zu leben vermag (Lern- und Entwicklungsansatz).

Das GAB-Verfahren macht daher eine Einrichtung wie das Haus Aja Textor-Goethe zu einer "Lernenden Organisation", die ständig in Bewegung bleibt. Das GAB-Verfahren wurde im Rahmen eines vom Bund geförderten Forschungsprojekts in den Jahren 1995-1997 im Haus Aja Textor-Goethe speziell für die Bedürfnisse sozialer und pädagogischer Einrichtungen entwickelt. Es wird inzwischen in über 300 Einrichtungen der Alten- , Behinderten- und Jugendhilfe, in Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern sowie im Einzelhandel praktiziert, erfüllt alle gesetzlichen Anforderungen und ist für den, der das möchte, nach ISO 9001 zertifizierbar.